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Brasilien: Landlose Frauen protestieren
18.19.25

Brasilien: Landlose Frauen protestieren

von Michael Fox

13.03.2009 — NACLA / ZNet

— abgelegt unter:

Am 9. März beteiligten sich Frauen von Via Campesina und der Bewegung der Landlosen Arbeiter (MST) an Protestaktionen, die überall in Brasilien stattfanden. Mit diesen 'direkten Aktionen' wurde des internationalen Frauentages gedacht. Die Aktionen richteten sich gegen die kontinuierliche Unterstützung der brasilianischen Regierung für das multinationale Agrobusiness im Land.

In mehr als acht Bundesstaaten kam es zu Protesten. In Brasilia marschierten 800 Frauen zum Landwirtschaftsministerium. Im Bundesstaat Rio Grande do Sul besetzten 700 Frauen eine Plantage des Zellstoffkonzerns Votorantim. In Espírito Santo kamen fast 1300 Frauen im Exporthafen des Zellstoffkonzerns Aracruz zusammen. In Sao Paolo besetzten fast 600 Frauen die Cosan-Plantage, wo die größte Agroäthanol-Fabrik der Welt steht.

Die Aktionswelle in ganz Brasilien fand weniger als zwei Monate nach dem 25. Geburtstag der Landlosenbewegung MST statt. "Als die MST startete, waren die großen Landbesitzer unsere Hauptgegner", sagt Ana Hanauer, Sprecherin der MST im südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul. "Heute sind die multinationalen (Agro-)Konzerne unsere Hauptfeinde. Sie übernehmen Land, das für die Agrarreform genutzt werden sollte".

Die internationale Finanzkrise trifft den Sektor der industriellen Landwirtschaft Brasiliens hart. Allein seit Dezember 2008 gingen 100 000 Arbeitsplätze verloren. Die brasilianische Regierung hat Investitionen in Höhe von $20 Milliarden Dollar für diesen Sektor vorgesehen - über die nächsten drei Jahre verteilt. Doch die Vertreter von Via Campesina beschweren sich: Die Gelder und das Land sollten genutzt werden, um die Agrarreform und die kleinbäuerliche Landwirtschaft voranzubringen und nicht als Auslöse für große Geschäftsleute.

Die Mitglieder der MST in Südbrasilien sind besonders empört, weil die brasilianische Regierung dem Zellstoffkonzern Votorantim Staatskredite vergab, um einen signifikanten Teil des untergehendem Konkurrenten Aracruz-Zellulose zu kaufen. Durch das zusätzliche Land von Aracruz kommt Votorantim insgesamt auf mehr als eine Million Hektar Anbaufläche. Laut Votorantim wird das zu einer Produktionskapazität von 5,8 Millionen Tonnen Zellstoff pro Jahr führen.

Der Anbau des Eukalyptus (Rohstoff für Zellulose, die zu Papier und Papierprodukten verarbeitet wird) in Monokulturen führe zur Zerstörung natürlicher Lebensräume, so die MST, zudem gehe die oberste Bodenschicht verloren, es komme zur Wüstenbildung. Die Umweltzerstörung ist einer der Gründe für die Besetzung der Votorantim-Plantage 'Ana Paula' in Rio Grande do Sul durch 700 Frauen.

Die MST entstand in den späten 70ger und frühen 80ger Jahren aus dem Kampf um Land im südlichen brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Innerhalb der letzten drei Jahrzehnte wuchs die Bewegung und entwickelte sich in 24 der 26 brasilianischen Bundesstaaten. Mittlerweile verfügt die MST über 35 Millionen Acres (3 Acres entsprechen circa einem Hektar), auf denen bis jetzt fast 400 000 MST-Familien angesiedelt werden konnten.

Bis heute kommt es in Rio Grande do Sul regelmäßig zu Protesten. Das liegt vor allem an der langen Geschichte der Organisation in der Region und an der Tatsache, dass in diesem Bundesstaat weiterhin eine kleine Elite große Plantagen besitzt. Im Dezember konnte die Bewegung in diesem Bundesstaat einen großen Sieg erringen. Es gelang ihnen, 700 Familien auf Land anzusiedeln, das die Landbesitzer seit Jahrhunderten brutal verteidigt hatten.

Bei der Besetzung der Plantage von Votorantim kam es zum Einsatz der Nationalgarde. Eines Tages kam sie, um die Proteste abzubrechen. Die Behörden verhafteten hunderte Frauen von Via Campesina bzw. MST. Die Aktivistinnen wurden ohne Nahrung festgehalten, während die Soldaten ihr improvisiertes Lager zerstörten.

Die Behörden stellten die Personalien der Frauen fest. Nun wird befürchtet, dass die Regierung die Informationen künftig nutzen könnte, um Aktivistinnen und ihre Familien zu verfolgen. Eine Sprecherin von MST Rio Grande do Sul sagt, die Verhaftungen seien Teil einer zunehmenden Unterdrückungskampagne des Gouverneurs des Bundesstaates. Er heißt Yeda Crusius und ist Mitglied der zentristischen Partei PSDB. Im Juni letzten Jahres erreichte die Kriminalisierung der Bewegung einen neuen Höhepunkt, als das Justizministerium des Bundesstaates Rio Grande do Sul die "Auflösung" der (Landlosen-)Bewegung im ganzen Bundesstaat forderte. Die Bewegung bekam das Etikett "Bedrohung für die nationale Sicherheit". Die Repression dauert weiter an.

Die Regierung des Bundesstaates Rio Grande do Sul unter Yeda Crusius drängt auf eine Schließung der weltberühmten Wanderschulen, die überall in den MST-Camps des Bundesstaates zu finden sind. Die Nationalgarde des Bundesstaates zögerte nicht lange und ging mit Einschüchterungsversuchen, Verhaftungen und Repression gegen die MST und andere Sozialbewegungen vor. Bei den Feiern zum 25. Geburtstag der MST im Januar beobachtete ein Hubschrauber der Landespolizei die Geschehnisse von oben aus. Die Militärbrigade von Rio Grande do Sul errichtete einen Checkpoint, wo jene, die an dem Ereignis, das in der MST-Siedlung stattfand, teilnehmen wollten, durchsucht wurden. Ihre Namen wurden registriert.

Die Frauen, die bei der Besetzung der Plantage 'Ana Paula' verhaftet wurden, kamen noch am selben Abend frei. Am nächsten Tag marschierten sie trotzig in die nahegelegene Großstadt Bagé, wo sie Flugblätter verteilten, in denen über die negativen Folgen der Eukalyptus-Monokulturen informiert wurde, über die Zellulosekonzerne und das brasilianische Agrobusiness.

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