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Aufstand gegen die Junta
Gula-EvineDatum: Sonntag, 16.08.2009, 00.18.09 | Nachricht # 1
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Gruppe: Administratoren
Nachrichten: 93
Status: Offline
Unter dem Vorwand, Ruhe und Ordnung im Lande wiederherzustellen, hatte das Militär am 12. September 1980 die Macht in der Türkei übernommen. Der Putsch richtete sich gegen eine starke antiimperialistische Arbeiterbewegung in der Westtürkei und den Aufschwung der kurdischen Nationalbewegung unter der Führung der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, die seit 1978 einen politischen Kampf für ein unabhängiges, sozialistisches Kurdistan führte. Alle Parteien wurden von den Militärs verboten und die linken Organisationen blutig zerschlagen. »Die Gefängnisse sind bis an den Stehkragen voll«, titelte die linke Günes. Mit Selbstverbrennungen und Todesfasten widersetzten sich PKK-Kader im Militärgefängnis von Diyarbakir Folter und Unterwerfung. Während andere kurdische Organisationen und die türkische Linke durch die Militärdiktatur nahezu vollständig aufgerieben wurden und ihre Führer ohne politische Perspektive nach Eu­ropa flohen, hatte der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan den taktischen Rückzug innerhalb des Nahen Ostens angeordnet. Im Libanon begann mit Hilfe palästinensischer Organisationen eine Phase intensiver politischer und militärischer Schulung der damals rund 300 PKK-Kader. Als die israelische Armee im Mai 1982 in den Libanon einmarschierte, kämpften die kurdischen Guerilleros auf der Seite der Palästinenser.

Einziger Ausweg

Die PKK ging davon aus, daß sich die türkische Militärjunta trotz der Einsetzung einer bürgerlichen Marionettenregierung langfristig an der Macht halten werde und eine Demokratisierung der Türkei ohne Lösung der kurdischen Frage nicht möglich sei. Ab Sommer 1982 kehrten PKK-Kader nach Kurdistan zurück, um eine bewaffnete Bewegung aufzubauen. »Die vom Kolonialregime ergriffenen Maßnahmen beseitigten die Bedingungen für einen legalen politischen Kampf. Es war nicht einmal für die kleinsten demokratischen Entwicklungen Raum. Die revolutionären Kräfte wurden liquidiert, der Staat ließ keinen Weg mehr offen. Es war unmöglich geworden, mit den Mitteln des politischen Kampfes eine Opposition darzustellen. Es blieb nur die Alternative: die vom Staat aufgezwungene Liquidation zu akzeptieren oder mit der Waffe in der Hand zu kämpfen, um welchen Preis auch immer. Der einzige Weg, die Hoffnungslosigkeit und Unentschlossenheit des Volkes und die Zweifel über die Möglichkeiten des Kampfes zu zerstreuen, war es, den hohen Preis zu akzeptieren und den bewaffneten Kampf zu beginnen«, erklärte der Oberkommandierende der Guerilla, Cemil Bayk, zum zehnten Jahrestag des Aufstands. Am 22. Juli 1984 faßten die PKK-Führungsmitglieder Duran Kalkan, Ali Haydar Kaytan, Kesire Yldrm, Halil Ataç, Cemil Bayk und Selahattin Çelik im türkisch-iranischen Grenzgebiet den historischen Beschluß zum Aufstand. Die bewaffneten Propagandatrupps nannten sich »Einheit zur Befreiung Kurdistans« (Hêzên Rizgariya Kurdistan –HRK) in Anlehnung an die zu Beginn des vietnamesischen Freiheitskampfes gebildete »Einheit zur Befreiung Vietnams«. In ihrem Selbstverständnis sah sich die Guerilla als »Teil des weltweiten Kampfes der fortschrittlichen Menschheit und der Völker der Region gegen den Imperialismus, Kolonialismus und die faschistische Barbarei, für Unabhängigkeit, Demokratie, Sozialismus und Freiheit«.

Am 15. August 1984 sollten Guerillaeinheiten die Städte Eruh, Semdinli und Çatak in den drei kurdischen Regionen Botan, Hakkari und Van vorübergehend besetzen und die Gründung der HRK bekanntgeben. Kommandant Mahsum Korkmaz »Agit« (der »Mutige«) leitete den Angriff einer 36 Mann starken Guerillaeinheit auf die Kaserne der Militärpolizei in Eruh. Ein Wachsoldat und ein Offizier kamen ums Leben, die Guerilla hatte keine Verluste. Die überraschten Soldaten ergaben sich sofort. Anschließend wurde die Gründungserklärung der Guerilla über den Lautsprecher der Moschee verlesen. »Die HRK verfolgt das Ziel, den Kampf unseres Volkes um nationale Unabhängigkeit, eine demokratische Gesellschaft, Freiheit und Einheit unter der Führung der PKK gegen den Imperialismus, den türkischen Kolo­nialfaschismus und ihre einheimischen Lakaien bewaffnet zu führen.« Gleichzeitig appellierte die Guerilla an »alle Revolutionäre und Demokraten aus der Türkei, das werktätige türkische Volk«, sich mit dem kurdischen Befreiungskampf zu vereinen, denn »jeder Schlag, den die HRK dem Kolonialfaschismus versetzt, ist gleichzeitig ein Schlag gegen den Faschismus in der Türkei.« Nach der Verlesung des Flugblattes ertönte das Widerstandslied »Hey, Horte Kurda« (Junger Kurde). Dann setzten die Guerilleros das Postamt und das Justizgebäude in Brand. Kommandant Agit sprach zu den gefangenen Soldaten: »Richtet eure Waffen nicht gegen das Volk und seine bewaffneten Kräfte, sondern gegen eure Vorgesetzen, die Offiziere. (…) Es entspricht dem Charakter der türkischen Armee, die Gefangenen zu foltern und zu töten. Von dieser Rede und dem, was ihr erlebt habt, müßt ihr auch den andere Soldaten erzählen.« Anschließend wurden die Soldaten freigelassen. Bei ihrem Rückzug beschlagnahmten die Rebellen einen LKW zum Abtransport der zahlreichen in der Kaserne erbeuteten Waffen. In Semdinli an der iranischen Grenze beschossen Guerillakämpfer den Militärstützpunkt mit Maschinengewehren und Raketen und töteten oder verletzten dabei mehrere Soldaten. Anschließend verteilten Rebellen Flugblätter in den Kaffeehäusern und hängten Transparente mit Parolen und den Bildern von Gefallenen der PKK auf. Nur in Çatak fiel der geplante Angriff aufgrund der Unentschlossenheit des zuständigen Kommandeur aus.

Militärisches Patt

»Aus der Sicht der Kurden ist es eine Art Neugeburt, eine Zeit der Auferstehung«, bewertete Duran Kalkan, ein türkischstämmiger PKK-Führungskader, im Rückblick diesen ersten kurdischen Aufstand in der Türkei nach der Niederschlagung des Dersim-Aufstandes von 1938. Ankündigungen der Militärjunta unter General Evren, die »Bandiden« innerhalb von 72 Stunden zu zerschlagen, erfüllten sich nicht. Die Befreiungsbewegung bekam schnell Zulauf, so daß in den 90er Jahren 15000 Partisanen gegen über 250000 Soldaten und Polizisten sowie 70000 paramilitärische »Dorfschützer« kämpften. Die von der NATO massiv mit Waffen unterstützte Armee setzte auf Dorfzerstörungen und den Einsatz von Todesschwadronen, um der Guerilla das Wasser abzugraben. Bis Ende der 90er Jahre war eine Pattsituation zwischen Guerilla und Armee entstanden und das Konzept der Befreiung Kurdistans durch einen »langandauernden Volkskrieg« nach vietnamesischem Vorbild gescheitert. Doch der bewaffnete Kampf hatte erst die Voraussetzung für eine breite Volksbewegung geschaffen, die sich heute mit zivilen Mitteln für ein Ende von Krieg und kolonialer Unterdrückung sowie für ein gleichberechtigtes Zusammenleben innerhalb der Grenzen der Türkei einsetzt. Zum 25. Jahrestag des Aufstandsbeginns ist endlich Bewegung in die kurdische Frage gekommen. Die Ankündigung des auf der Gefängnisinsel Imrali gefangenen PKK-Führers Abdullah Öcalan, einen Lösungsplan vorzulegen, wurde von Kolumnisten der türkischen Tagszeitungen gefeiert. Die so unter Zugzwang geratene islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat ihrerseits Zugeständnisse an die kurdische Bevölkerung im kulturellen Bereich angekündigt. Doch solange die Rechte der kurdischen Bevölkerung nicht gesichert sind, bleibt die Guerilla als Faustpfand in den Bergen.

Quellentext. An das patriotische Volk Kurdistans
Seit Jahrhunderten versuchen Fremdherren, Besatzer und Kolonialisten, unser Land zu beherrschen und unser Volk zu versklaven. (...) Der barbarische türkische Kolonialismus, der mit dem faschistischen Militärputsch vom 12. September (1980) einen faschistischen Charakter annahm, begann nun, seine Unterdrückungs- und Repressionspolitik mit den grausamsten Methoden und in den größten Ausmaßen fortzusetzen. Er erklärte unser gesamtes Land zum Militärgebiet und begann unser Land von Dorf zu Dorf, von Stadtteil zu Stadtteil erneut zu okkupieren. Unsere Menschen wurden ohne Verhör und ohne Gerichtsverfahren einfach erschossen, aufgehängt, erdrosselt, angezündet; zu Hunderttausenden gefoltert und in die Gefängnisse gesteckt. Er versucht mit den nationalen Werten und unserer Menschenwürde zu spielen. Diese ganze Grausamkeit betreibt er auch gegen das werktätige türkische Volk. (...) Deshalb ruft die HRK alle Revolutionäre und Demokraten aus der Türkei, das werktätige türkische Volk dazu auf, den Widerstand gegen die Euer Leben und Eure Zukunft verdunkelnde faschistische Barbarei zu steigern und ihn mit dem Befreiungskampf des kurdischen Volkes zu vereinen. (...) Kurdische Jugend, Mädchen und Jungen! Beteiligt Euch aktiv am Volksbefreiungskampf gegen die kolonialfaschistische Unterdrückung! Geht nicht als Soldaten zur Armee unter faschistischem Befehl, desertiert, schließt euch den Befreiungskräften an! Kämpft aufgeweckt und mutig gemeinsam mit den Befreiungskräften, um den Feind zu vernichten und unser Land zu befreien.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/08-15/027.php

 
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